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1,2 Millionen Berliner_innen können sich vorstellen, nicht-religiöse Organisationen wie den HVD zu unterstützen

6. Juni 2016

(06/06/2016) Im Rahmen der Tagung "Frieden und Orientierung" der Humanistischen Akademie Berlin-Brandenburg wurden am Montag, den 06. Juni im Roten Rathaus die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage zu Konfessionszugehörigkeit und Lebensauffassung der Berliner Bevölkerung vorgestellt. Laut Umfrage des Meinungsforschungsinstituts EMNID haben knapp drei Viertel der Berliner_innen eine humanistische Lebensauffassung. Demnach führen sie „ein selbstbestimmtes Leben, das auf ethischen und moralischen Grundüberzeugungen beruht und frei ist von Religion und Glauben an einen Gott“. Auch mehr als die Hälfte der Angehörigen der römisch-katholischen und der evangelischen Kirche stimmten dieser Aussage zu.

Zwei von drei Berliner_innen (61 %) gehören keiner Religionsgemeinschaft an, dies geht aus einer Umfrage hervor, die das Meinungsforschungsinstitut EMNID im Auftrag der Humanismus Stiftung Berlin, des Humanistischen Verbandes Deutschlands, Landesverband Berlin-Brandenburg sowie der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) durchgeführt hat. Jeder fünfte Befragte gab an, der evangelischen Kirche oder einer evangelischen Freikirche anzugehören (21 %), jeder zehnte Befragte gehört zur römisch-katholischen Kirche.

Drei Viertel aller Befragten (74 %) gaben an, der Aussage „Ich führe ein selbstbestimmtes Leben, das auf ethischen und moralischen Grundüberzeugungen beruht und frei ist von Religion und Glauben an einen Gott“ voll und ganz bzw. eher zuzustimmen. Lediglich ein Viertel (23 %) der Befragten sagte, dass diese Aussage eher nicht bzw. überhaupt nicht zutreffe. Dies ist insofern überraschend, als dass diese Zahlen deutlich von den Angaben zur konfessionellen Zugehörigkeit abweichen. Dies ist darauf zurückzuführen, dass nicht nur der Großteil der Konfessionsfreien dieser Aussage zustimmt (85 %), sondern auch deutlich mehr als die Hälfte der befragten Katholiken (57 %) und Protestanten (64 %) für sich beanspruchten, ein Leben ohne „Religion und Glauben an einen Gott“ zu führen. Demgegenüber steht aber auch eine Gruppe konfessionsfreier Menschen (13 %), die diese Aussage für sich ablehnen und sich religiös indifferent zeigen. Diese Zahlen machen deutlich, dass die Zugehörigkeit oder Mitgliedschaft in einer Religions- und Weltanschauungsgemeinschaft nicht an die persönliche Lebensauffassung und den Grad der individuellen Säkularisierung gebunden ist. Auffallend ist hier ferner, dass mit steigendem Bildungsgrad die Zustimmung zur humanistisch-säkularen Lebensauffassung wächst.

Die breite Identifikation mit einer humanistisch-säkularen Lebensauffassung führt auch zu einer großen Bereitschaft, nicht-religiöse Organisationen wie den HVD als Mitglied, durch Spenden oder ehrenamtliche Tätigkeit zu unterstützen. 41 % der Befragten können sich das vorstellen, dies sind bei einer Wohnbevölkerung von knapp 3 Mio. Berliner_innen über 14 Jahren rund 1,2 Mio. Menschen. Auch hier wird deutlich, dass Unterstützung nicht an individuelle konfessionelle Zugehörigkeit gebunden ist: Die befragten Katholiken (49 %) und Protestanten (42 %) signalisierten prozentual eine größere Bereitschaft, den HVD zu unterstützen, als die befragten Konfessionsfreien (38 %).

Die EMNID-Befragung hat ferner ergeben, dass sich vier Fünftel aller Befragten nicht durch die humanistischen Organisationen wie den HVD vertreten fühlen. Diese Einschätzung zieht sich durch alle geschlechts-, alters-, bildungs- und konfessionsspezifisch differenzierten Gruppen, so dass sich selbst vier von fünf Konfessionsfreien nicht von Organisationen wie dem HVD politisch vertreten sehen. Die fehlende öffentliche Wahrnehmung spiegelt sich auch in der Berichterstattung über Konfessionsfreie. Über die Hälfte der Befragten hat den Eindruck, dass über die große Gruppe der Konfessionsfreien nicht ausreichend in den Medien und der Politik berichtet wird (54 %).

„Die Ergebnisse der Befragung zeigen einmal mehr, dass die Säkularisierung in der Berliner Bevölkerung weiter voranschreitet“, sagte der Vorstandsvorsitzende des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg, Martin Beck. „2004 lag der Anteil der Berliner_innen, die eine humanistisch-säkulare Lebensauffassung teilten, bei 57 %, jetzt sind wir bei 61 %. Entscheidend ist dabei, dass dieser Prozess entgegen anderslautender Aussagen nicht mit einem Werteverfall einhergeht. Dies zeigt auch der hohe Anteil der Angehörigen der Kirchen, die ohne Religion und Gott, aber auf der Basis ethischer und moralischer Grundwerte ihr Leben gestalten“, kommentiert Beck die Zahlen. Die Umfrage zeige aber auch, dass es Verbesserungsbedarf für den Verband gebe. „In diesen Zahlen steckt natürlich viel Potential für unseren Verband, wir sehen allerdings, dass es uns bislang nicht ausreichend gelungen ist, mit unserem vielfältigen gesellschaftspolitischen Engagement öffentlich so wahrgenommen zu werden, wie wir uns das wünschen. Daran werden wir in den nächsten Jahren verstärkt arbeiten“, sagte der Vorstandsvorsitzende des Verbandes, der in Berlin über 60 Einrichtungen, darunter Kitas, Jugendeinrichtungen und soziale Beratungsstellen betreibt und an den Schulen den Humanistischen Lebenskundeunterricht für über 60.000 Schüler_innen ausrichtet.

Für die repräsentative Umfrage wurden zwischen dem 11. März und dem 10. Mai 1.000 Berliner Bürger_innen telefonisch zu ihrer konfessionellen Zugehörigkeit, Lebensauffassung sowie zur Vertretung durch und Unterstützung von humanistischen Organisationen befragt.