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Humanisten trauern um J. Mythri

6. März 2017

Die bekannte Atheistin, Sozialreformerin, Frauenrechtlerin, Gandhi-Anhängerin und Leiterin des Atheist Centre in Vijayawada/ Indien, Frau J. Mythri ist am 11. Februar 2017 verstorben. Mit ihr verliert die humanistische und säkulare Bewegung eine herausragende Vertreterin, die als Tochter der Gründer des weltweit ersten Atheistischen Zentrums, Gora und Saraswathi Gora, das Atheist Centre seit 2006 geführt und inspiriert hat.

Sie stand für Gleichheit, Humanismus und Zivilcourage, für Menschenrechte, gegen das Kastensystem und Diskriminierungen jeder Art. Sie hat mit ihren Vorträgen und Texten zur Verbreitung des liberalen Säkularismus beigetragen und hat mit ihrem großen Herzen die Lebensprobleme der Menschen aufgenommen und sich sozial engagiert. Gerade auch ihre Unterstützung hat den Humanistischen Deutsch-Indischen Jugendaustausch mit dem Humanistischen Freidenkerbund in Brandenburg in den letzten 20 Jahren wesentlich mit befördert.

Frau Mythri hat durch ihren Einsatz für die globale humanistische Bewegung, etwa auf nationalen und internationalen Tagungen und den Weltatheismuskongressen, ihre freiheitlichen und rationalistischen Positionen liberal vertreten und verbreitet. Frau Mythri setzte sich stets für ein tolerantes und multikulturelles Miteinander in Frieden und Demokratie ein.

Frau Mythri wurde am 1. Dezember 1932 in Vijayanagaram in Andhra Pradesh/ Indien geboren. Als dritte Tochter von Gora und Saraswathi Gora hat sie frühzeitig den Kampf der Indischen Befreiungsbewegung Mahatma Gandhis aktiv miterlebt und sich gegen das Kastensystem, gegen Aberglauben, religiös motivierte Gewalt und Hexenverfolgungen und für die kulturelle und soziale Befreiung und Selbstbestimmung der Menschen, insbesondere der Frauen und Kinder eingesetzt. Ihr war es wichtig, sich für eine wissenschaftliche Welterklärung einzusetzen und den Geist der Menschenwürde in die Gesellschaft zu bringen.

Frau Mythri erhielt ihre Schulbildung in Machilipatnam. Später zog sie mit ihren Eltern und  Geschwistern nach Mudunur village im Krishna District. 1940 wurde dann dort das Atheist Centre gegründet, der sie mit ihren Geschwistern Manorama, Lavanam, Vidya, Vijayam, Samaram, Niyanta und Nau ihr Leben widmete.

Als Aktivisten der Quit India Movement wurden Mythris Eltern von den Briten zeitweilig  inhaftiert. Mythri kümmerte sich in dieser Zeit auch um ihre Geschwister. Mahatma Gandhi trat Anfang der 40er Jahre in einen intensiven Austausch mit Gora und seiner Familie und lernte die atheistische Arbeit kennen. Auch Mythri lebte für einige Zeit auf Gandhis Einladung in seinem Sevagram ashram.

Nach der Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1947 siedelte das Atheist Centre nach Vijayawada. Mythri gab das Wochenmagazin “Sangham“ (Society) in Telugu mit heraus. Sie unterwies Frauen in der Handhabung der Drucktechnik. Sie begann, auch in der Erwachsenenbildung für sozial Benachteiligte und in der Bildung und Erziehung der Kinder aktiv zu werden. Sie organisierte interreligiöse und kastenübergreifende Eheschließungen.

1961 startete das Sozialwerk des Atheist Centre „Vasavaya Vidyalaya" mit einer säkularen Schule. Für 16 Jahre gestaltete Frau Mythri die Schule gemeinsam mit Frau Hemalata Lavanam, Herrn Niyanta und Frau Sumathi. Kinder und Jugendliche aus vielen Dörfern und Kleinstädten besuchten diese Schule. Im Vordergrund standen moderne wissenschaftliche Inhalte, Sprachen und allgemeine politische und soziale Bildung.

Hunderte von Frauen wurden im Atheist Centre unterrichtet. Sie erlernten Berufe, um wirtschaftlich selbstständig leben zu können. Frau Mythri war in den vielfältigen Aktivitäten der säkularen sozialen und Bildungsarbeit führend beteiligt. Sie erwarb ihren Master in Psychologie an der Benares Hindu University, Varanasi. In den Sozialwerken des Atheist Centre, Arthik Samata Mandal, Vasavya Mahila Mandali und Samskar, war sie bei integrativen sozialreformerischen Entwicklungen, Frauenförderungen und sozioökonomischen Reformen erfolgreich tätig.

Frau Mythri hat weiter journalistisch gearbeitet, vor allem bei der Herausgabe atheistischer Journals. Sie war Editor von “Nasthik Margam” (Atheistischer Weg) in Telugu. Auch an  Zeitschriften in Englisch („Atheist“) und in Hindi („Insaan“) war sie beteiligt.

In 1986 erhielt Frau Mythri als Vertreterin des Atheist Centre in Oslo den „International Humanist Award” von der International Humanist and Ethical Union (IHEU) für die säkulare Sozialarbeit. Frau Mythri unternahm Vortragsreisen in Europa und Nordamerika. Sie vertrat, wie ihr Bruder Lavanam, den Atheismus als einen positiven Lebensweg.

Frau Mythri war die Säule aller Aktivitäten des Atheist Centre in den letzten 70 Jahren. Nach dem Tode von Gora (1975) und von Saraswathi Gora (2006) war sie die Hauptperson des humanistischen Zentrums in Andhra Pradesh mit ihren wissenschaftlichen, politischen, sozialen und Bildungsbestrebungen. Bei ihr liefen viele Fäden zusammen, die sie mit großem Herz und auf hohem intellektuellem Niveau als Netzwerk exzellent gestaltete. Sie erhielt unter anderem für ihr säkulares humanitäres Engagement den Potti Sriramulu Telugu University Award und den Kasinadhini Nageswara Rao Award.

Frau Mythri war eine Freundin, eine Leitfigur und eine Philosophin für viele Menschen. Sie hat unzählige Beiträge geschrieben und Vorträge gehalten, die bis heute inspirieren. Wir in Deutschland, die wir sie erleben konnten, wissen, was wir verloren haben. Wir trauern um eine Freundin, Schwester und Großmutter.

Ihr Leben ist eine Botschaft, vor allem für Menschenrechte, Freiheit und die Gleichstellung der Frau. Ihre Ideale werden in Indien und in der humanistischen Weltbewegung weiterleben.

Jai Insaan (Sieg der Menschen)!

 

Dr. Volker Mueller